Das Darmmikrobiom, die Darm-Hirn-Achse und ihr Einfluss auf das Verhalten von Hunden

Was Hundehalter darüber wissen sollten

Einleitung

 

Im Körper eines Hundes leben Milliarden von Mikroorganismen – vor allem im Darm. Dieses sogenannte Darmmikrobiom beeinflusst nicht nur die Verdauung, sondern steht über verschiedene biologische Wege auch in ständigem Austausch mit dem Gehirn. Diese Verbindung wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet. In den letzten Jahren haben internationale Studien gezeigt, dass Veränderungen im Mikrobiom mit dem Verhalten von Hunden zusammenhängen können. Besonders Hinweise auf Zusammenhänge mit Angst, Stress oder Aggression haben großes Forschungsinteresse geweckt.

1. Was bedeutet Darm-Hirn-Achse beim Hund?

Die Darm-Hirn-Achse beschreibt die gegenseitige Kommunikation zwischen Verdauungstrakt und Gehirn. Sie funktioniert über verschiedene Systeme:

  • Nervensystem: vor allem über den Vagusnerv, der Informationen direkt zwischen Darm und Gehirn austauscht.

  • Immunsystem: Entzündungsstoffe und Immunzellen beeinflussen Hirnfunktionen.

  • Stoffwechselprodukte von Bakterien: Dazu gehören unter anderem kurzkettige Fettsäuren (SCFAs), die weitreichende Wirkungen im Körper haben.

  • Einfluss auf Neurotransmitter-Vorstufen: Das Mikrobiom kann den Abbau und die Verfügbarkeit von Stoffen beeinflussen, aus denen Serotonin oder Dopamin gebildet werden.

 

Diese Mechanismen sind bei Hunden genauso vorhanden wie bei anderen Säugetieren.

2. Wie beeinflusst das Mikrobiom Neurotransmitter?

Neurotransmitter sind Botenstoffe, die Reize zwischen Nervenzellen weiterleiten. Einige Prozesse im Darm wirken darauf ein:

Serotonin-Vorstufen

Bestimmte Bakterien beeinflussen den Stoffwechsel von Tryptophan, der Grundsubstanz für Serotonin. Da Serotonin eine große Rolle bei Stimmung, Stressverarbeitung und Impulskontrolle spielt, kann dieser Mechanismus indirekt das Verhalten des Hundes beeinflussen.

GABA

GABA ist ein hemmender Neurotransmitter, der für Entspannung und emotionale Stabilität wichtig ist. Einige Mikroorganismen können GABA oder verwandte Stoffe bilden. Diese gelangen zwar nicht direkt ins Gehirn, können aber über das Nervensystem Signale beeinflussen.

Kurzkettige Fettsäuren (SCFAs)

Produziert durch den bakteriellen Abbau von Ballaststoffen. Diese Fettsäuren beeinflussen:

  • Entzündungen im Körper,

  • das Immunsystem,

  • Stoffwechselprozesse im Gehirn.

 

Damit wirken sie indirekt auf Neurotransmittersysteme ein.

3. Was zeigen aktuelle Studien bei Hunden?

Die Forschung zu Hunden nimmt weltweit zu, dennoch stehen wir noch am Anfang. Folgendes ist bisher gut belegt:

Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und Verhalten

Mehrere Arbeiten zeigen Unterschiede im Darmmikrobiom zwischen Hunden mit normalem Verhalten und solchen mit Angst oder Aggression. Bestimmte Bakteriengruppen treten bei verhaltensauffälligen Hunden häufiger oder seltener auf. Diese Befunde sind jedoch assoziativ – sie zeigen Zusammenhänge, aber noch keine eindeutige Ursache-Wirkung.

Probiotika-Studien

Spezifische probiotische Stämme wie Lactiplantibacillus plantarum PS128 oder LP815 wurden an Hunden getestet. Einige Studien fanden:

  • weniger Stressanzeichen,

  • ruhigere Reaktionen,

  • messbare Veränderungen in Serotonin-Abbauprodukten.

Diese Ergebnisse sind vielversprechend, aber bisher in kleinen Studiengruppen untersucht worden.

Darm-Hirn-Achse bei neurologischen Erkrankungen

 

Bei Hunden mit idiopathischer Epilepsie wurden veränderte Mikrobiom- und Stoffwechselprofile gefunden. Das zeigt, dass die Darm-Hirn-Achse auch bei neurologischen Erkrankungen eine Rolle spielen könnte.

4. Was bedeutet das für die Neurotransmitter des Hundes?

Serotonin

Serotonin ist wichtig für Stimmung, Impulskontrolle und emotionale Stabilität. Veränderungen im Mikrobiom können den Serotonin-Stoffwechsel beeinflussen, was sich wiederum auf Verhalten auswirken kann. Studien haben bei aggressiven Hunden Hinweise auf Veränderungen im Serotoninhaushalt gefunden.

Dopamin

Dopamin beeinflusst Motivation, Aktivität und Lernprozesse. Mikrobiomveränderungen können diesen Stoffwechsel indirekt modulieren, was Auswirkungen auf Aktivitäts- oder Stressverhalten haben kann.

GABA

 

GABA wirkt beruhigend. Eine vermehrte Bildung GABA-ähnlicher Stoffwechselprodukte durch Bakterien kann sich auf Stressreaktionen auswirken. Erste Untersuchungen mit probiotischen GABA-bildenden Stämmen zeigen positive Effekte.

5. Praktische Tipps für Hundehalter

Auch wenn die Forschung noch weiterläuft, gibt es Maßnahmen, die du als Halter sicher umsetzen kannst:

1. Ernährung stabil halten

Ein hochwertiges, gut verträgliches Futter unterstützt ein gesundes Mikrobiom. Häufige Futterwechsel können dagegen die Darmflora durcheinanderbringen.

2. Ballaststoffe einbauen

Ballaststoffe fördern die Bildung gesunder kurzkettiger Fettsäuren. Je nach Hund kann das die Darmgesundheit stabilisieren.

3. Probiotika – aber gezielt

Probiotika können helfen, müssen jedoch stammspezifisch ausgewählt werden. Nicht jedes Probiotikum wirkt gleich. Am besten erfolgt die Auswahl gemeinsam mit einem Tierarzt, der Erfahrung mit Verhaltensmedizin oder Gastroenterologie hat.

4. Stressreduktion

Stress verändert das Mikrobiom. Klare Tagesstrukturen, ausreichend Erholung, gute Sozialisierung und Training ohne Überforderung unterstützen Darm und Verhalten zugleich.

6. Grenzen der aktuellen Forschung

 

  • Viele Studien mit Hunden haben kleine Stichproben und unterschiedliche Methoden.

  • Die meisten Ergebnisse zeigen Zusammenhänge, aber keine gesicherten kausalen Ursachen.

  • Große, lang angelegte Studien fehlen bisher.

  • Das Verhalten eines Hundes wird von vielen Faktoren beeinflusst: Genetik, Umwelt, Erziehung, Lebensstil und eben auch das Mikrobiom.

5. Gesundheitliche Ursachen abklären

 

Plötzliches problematisches Verhalten kann auf Schmerzen, hormonelle Störungen oder neurologische Erkrankungen hinweisen. Diese sollten vor allen anderen Maßnahmen tierärztlich untersucht werden.

Fazit

 

Das Darmmikrobiom spielt beim Hund eine wichtige Rolle für Gesundheit und vermutlich auch für das Verhalten. Die Forschung zeigt klar erkennbare Zusammenhänge, aber es bleibt noch viel zu klären. Als Hundehalter kannst du jedoch bereits einiges tun: auf gute Fütterung achten, Stress vermeiden und bei Bedarf probiotische Unterstützung gezielt und tierärztlich begleitet einsetzen. Die Darm-Hirn-Achse ist kein Wunderschalter – aber sie ist ein wertvoller Baustein in einem ganzheitlichen Verständnis des Hundes.

Literatur im Harvard-Stil

 

Kirchoff, N.S., Udell, M.A.R. & Sharpton, T.J. (2019) ‘The gut microbiome correlates with conspecific aggression in a small cohort of rescued dogs (Canis familiaris)’, PeerJ, 7, p. e6103.
Silva, Y.P., Bernardi, A. & Frozza, R.L. (2020) ‘The role of short-chain fatty acids from gut microbiota in gut–brain communication’, Frontiers in Endocrinology, 11, p. 25.
Kiełbik, P. et al. (2024) ‘The relationship between canine behavioral disorders and the gut microbiota: evidence and perspectives’, Animals, 14(14), p. 2048.
Yeh, Y.M. et al. (2022) ‘Effects of Lactiplantibacillus plantarum PS128 on emotional behavior in dogs: a pilot study’, Applied Animal Behaviour Science.
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Verdoodt, F. et al. (2025) ‘The fecal metabolome and microbiome are altered in dogs with idiopathic epilepsy’, Scientific Reports, 15, p. 999.

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   Dr. TCM Andrea Földy

(CCRP, akademische Expertin für  Physikalische Medizin und Rehabilitation bei Hunden, praktische Tierärztin)

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