Dyskinesie beim Hund/italienisches Windspiel — was ist das, wie erkennt man sie und was kann man tun?

Was ist eine Dyskinesie?

Dyskinesien (bei Hunden oft als paroxysmale Dyskinesien, kurz PD, beschrieben) sind wiederkehrende, plötzlich auftretende, unwillkürliche Bewegungsstörungen. Die Episode kann von Sekunden bis zu Stunden dauern und ist durch abnorme Muskelspannung (Dystonie), Zuckungen, Krämpfe oder „Fallen“ gekennzeichnet. Wichtig: Das Tier bleibt in der Regel bei Bewusstsein — ein Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber vielen Formen von Epilepsie. Frontiers+1

Welche Formen / Untergruppen gibt es?

Man orientiert sich an der menschlichen Klassifikation und unterscheidet u. a.:

 

  • PKD (paroxysmal kinesigenic dyskinesia) – ausgelöst durch plötzliche Bewegung,

  • PNKD (paroxysmal non-kinesigenic dyskinesia) – nicht durch Bewegung ausgelöst (oft Ruhe).
    Bei Hunden treten beide Typen auf; es gibt rassespezifische Varianten. Ein internationales Konsenspapier empfiehlt standardisierte Begriffe und die systematische Beschreibung der Episoden. Frontiers+1

Ursachen (Ursachen-Spektrum)

PD beim Hund ist heterogen — Ursachen sind unter anderem:

 

  1. Genetische/familiäre Formen
    Für mehrere Hunderassen wurden genetische Varianten beschrieben (z. B. PIGN-Mutation bei Soft-Coated Wheaten Terriern; Breed-assoziationen bei Border Terriern, Chinook, Scottish Terrier u. a.). Manche sind autosomal rezessiv, andere komplex vererbt. SpringerLink+1

  2. Immun-/diät-assoziierte Formen
    Bei Border Terriers besteht starke Evidenz für eine gluten-sensitive Form (bei manchen Hunden Verbesserung unter glutenfreier Diät und Nachweis antigliadin/antitransglutaminase-Antikörpern). PMC+1

  3. Sekundäre Ursachen
    Stoffwechselstörungen (z. B. Elektrolytstörungen), Toxine, medikamenteninduzierte Bewegungsstörungen oder strukturelle Hirnerkrankungen können PD-ähnliche Episoden auslösen — deshalb sind Screening-Tests (Blut, evtl. Bildgebung) wichtig. Frontiers

  4. Stress / Trigger
    Bei vielen Hunden wirken Stress, Aufregung, Anstrengung oder Temperaturwechsel als Auslöser oder Verstärker von Episoden. Frontiers

Typische Symptome (für Halter leicht erkennbar)

 

  • Plötzliches Steif-/Krampfverhalten einer oder mehrerer Gliedmaßen, oft mit gestrecktem Rücken oder verdrehter Hals-/Körperhaltung (Dystonie).

  • Muskelzuckungen, Muskelfascikulationen.

  • Hund fällt um oder „bricht“ zusammen, kann aber Augenkontakt behalten; Bewusstsein bleibt typischerweise erhalten.

  • Episoden dauern Sekunden bis Stunden; Frequenz variiert (einmal monatlich bis mehrmals täglich).

  • Zwischen den Episoden sind die Hunde meist normal.
    Wenn der Hund jedoch die Bewusstseinslage verliert, Zungenbisse oder Harnabsatz während der Episode zeigt, sollte man auch an Epilepsie denken und das mit dem Tierarzt besprechen. PMC+1

Diagnostik — was macht der Tierarzt?

 

  1. Genaue Anamnese + Videoaufnahmen (sehr wichtig): Beschreibe Auslöser, Dauer, Verhalten, Bewusstsein. Ein kurzes Handyvideo ist Gold wert. Frontiers

  2. Klinische Untersuchung — zwischen den Episoden meist normal.

  3. Basislaborscreen (Blutbild, Elektrolyte, Leber/Nierenwerte, ggf. Thyroid-Werte, Mikrobiom) und bei Bedarf weiterführend (z. B. organische Säuren, Metabolom), um sekundäre Ursachen auszuschließen. Frontiers

  4. EEG / Bildgebung (MRI): EEG kann helfen, epileptische Aktivität zu erkennen — oft normal bei PD (EEG zwischen Episoden meist unauffällig). MRI wird eingesetzt, wenn strukturelle Ursachen vermutet werden. PMC+1

  5. Genetische Tests / Serologie: bei Rassevertretern oder Verdacht auf gluten-empfindliche Form können gezielte Tests (z. B. Antikörper) und genetische Analysen empfohlen werden. PMC+1

Konventionelle Therapie / Management

Es gibt keine universelle „Wunderpille“; Behandlung richtet sich nach Ursache, Schweregrad und Rasse:

  • Vermeidung von Triggern (Stressreduktion, Vermeiden starker körperlicher Anstrengung, Temperaturschutz) ist oft ein erster und wirkungsvoller Schritt. Frontiers

  • Medikamentöse Versuche: Benzodiazepine (z. B. diazepam, clonazepam), Phenobarbital, Levetiracetam, Fluoxetin oder Acetazolamid wurden je nach Fall ausprobiert — die Wirksamkeit ist heterogen und rassetypisch unterschiedlich. In einigen Fällen (z. B. bestimmte Shetland- oder Weimaraner-Fälle) wurden positive Effekte beobachtet; in anderen wenig Besserung. Entscheidungen sollten neurologisch begleitet getroffen werden. Frontiers+1

  • Diättherapie: Bei gluten-sensitiven Border Terriern oder bei Hunden mit Hinweis auf Nahrungsmittelassoziation kann eine strikte glutenfreie (hypoallergene) Diät zu deutlicher Verbesserung führen. Solche diätetischen Interventionen müssen konsequent sein (keine versteckten Glutenquellen) und sollten unter tierärztlicher Anleitung erfolgen. PMC+1

  • Operativ / invasiv: in der Regel nicht relevant; bei seltenen strukturellen Ursachen (z. B. Tumor, fokale Läsion) richtet sich das Vorgehen nach Befund.

Fazit: Therapie ist individualisiert. Einige Hunde sprechen gut auf Diät oder ein bestimmtes Medikament an; bei anderen ist nur eine Symptomkontrolle möglich. Frontiers+1

 

Alternative / ergänzende Therapien (evidenzbetrachtet)

 

  • Akupunktur / Physiotherapie: Für manche Bewegungs-/Schmerz- und Verhaltensstörungen beim Hund gibt es Hinweise auf positive Effekte (vor allem bei Schmerz, weniger spezifisch für PD). Die Datenlage für Dyskinesien ist begrenzt; solche Therapien können jedoch als ergänzende Maßnahmen sinnvoll sein, insbesondere wenn sie Stress reduzieren oder die Lebensqualität verbessern. Besprich Einsatz und Erwartungen mit Deinem Tierarzt/Tierphysiotherapeuten. PMC+1

  • Ergänzende Nährstoffe: In der Human-Forschung und älteren Reviews wurden Omega-3-Fettsäuren, bestimmte Aminosäuren (Tryptophan) oder Vitamine in Verbindung mit Bewegungsstörungen untersucht; die Beweislage beim Hund ist jedoch dürftig. Keine Selbstmedikation ohne Absprache. Frontiers

Ernährung — mehr als nur «Futter»

Ernährung kann bei manchen Formen entscheidend sein:

  • Glutenfreie Diät: Bei Border Terriers mit dokumentierter Gluten-Sensitivität (oder serologischen Markern) wurde eine Verbesserung bzw. Remission unter glutenfreier Diät beschrieben. Bei klinisch Verdacht lohnt ein strenger Ernährungstest (eliminationsdiät) unter tierärztlicher Anleitung. PMC+1

  • Hypoallergene / elimination diets: Wenn vermutet wird, dass Nahrungsmittelbestandteile (nicht nur Gluten) eine Rolle spielen, kann eine streng überwachte Eliminationsdiät Hinweise liefern. PMC

 

Wichtig: Ernährungsumstellungen sollten konsequent und über mehrere Wochen durchgeführt werden; unvollständige/inkonsistente Umstellungen machen die Interpretation schwer.

 

Darm-Hirn-Achse (Gut-Brain-Axis) und Dysbiose — Relevanz für Bewegungsstörungen?

Die Forschung zeigt, dass Darmmikrobiom und Gehirn über mehrere Wege (vagusnervale Verbindungen, Metabolite wie SCFA, Immunmodulation, HPA-Achse) miteinander kommunizieren. Bei neurologischen Erkrankungen des Menschen (z. B. Parkinson) gibt es Hinweise auf Mitbeteiligung des Mikrobioms — analog wird der Hund als interessantes Modell für GBA-Forschung betrachtet. Aktuelle Studien zeigen, dass Stress Akutveränderungen im Hunde-Mikrobiom auslösen kann, und Übersichten fassen daten zur Beziehung zwischen Verhalten/Stress und Mikrobiom beim Hund zusammen. Konkrete, direkte Belege, dass Gastrointestinale Dysbiose PD beim Hund verursacht, fehlen jedoch — das ist ein aktives Forschungsfeld. PMC+2Nature+2

Praktischer Schlussfolgerung für Halter:

 

  • Bei begleitenden Magen-Darm-Beschwerden, wiederholten Antibiotikagaben oder Stress-belasteter Lebenssituation kann eine Evaluation der Darmgesundheit sinnvoll sein.

  • Probiotika/Präbiotika werden untersucht, zeigen aber keine eindeutige, allgemein gültige Wirksamkeit gegen Dyskinesien; Einsatz nur nach Rücksprache mit Tierarzt. PMC+1

Resilienztraining, Stressmanagement und Verhalten

Weil Stress oft als Trigger wirkt, sind Maßnahmen zur Stressreduktion und zum Aufbau von Resilienz wichtig:

 

  • Verhaltenstherapie / Training: Positive Verstärkung, strukturierte Trainingseinheiten, Management von Triggern (z. B. plötzliche Aufregung vermeiden) können die Häufigkeit von Episoden reduzieren. Kleine, gut planbare „positive Erfahrungen“ und kontrolliertes Training stärken die Stressresistenz. PLOS+1

  • Umweltmanagement: Ruhige Rückzugsorte, Vermeidung von Überstimulation, regelmäßige, vorhersehbare Routinen.

  • Arbeit mit zertifizierten Hundetrainern / Verhaltenstherapeuten: Besonders wichtig, wenn Aufregung/Angst einen Auslöser darstellt.
    Diese Maßnahmen sind evidenzbasiert in dem Sinne, dass Stressreduktion physiologisch die HPA-Achse und damit das System, das Episoden auslösen kann, beeinflusst. Sie sind eine wichtige Ergänzung zur medizinischen Therapie. MDPI+1

Prognose und Lebensqualität

 

  • Viele Hunde mit PD haben eine gute bis moderate Lebensqualität, vor allem wenn Auslöser identifiziert und vermieden werden können und wenn geeignete Therapien (diätetisch oder medikamentös) gefunden werden.

  • Einige rassespezifische Formen können mit Progression oder schwerer Beeinträchtigung einhergehen; in einzelnen, sehr schweren Fällen kann die Prognose schlecht sein. Entscheidungen sollten individuell, empathisch und in Absprache mit Neurologen getroffen werden. Frontiers+1

Konkrete Tipps für Tierhalter (Kurz-Checkliste)

 

  1. Video aufnehmen (Episode) und zum Tierarzt mitbringen. Frontiers

  2. Notiere Auslöser, Häufigkeit, Dauer, Verhalten während Episode (Bewusstseinslage). PMC

  3. Basisuntersuchung und Blutwerte durchführen lassen (Ausschluss sekundärer Ursachen). Frontiers

  4. Bei Border Terriern / Verdacht auf gluten-sensitiven Verlauf: streng glutenfreie Eliminationsdiät unter tierärztlicher Anleitung erwägen. PMC

  5. Stressmanagement & berechenbare Routine einführen; ggf. Verhaltenstherapie. MDPI

  6. Besprich Optionen zur medikamentösen Behandlung mit einem Tierneurologen (Nutzen vs. Nebenwirkung abwägen). Frontiers

Was ist noch Forschungsbedarf?

 

  • Direkte Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen Mikrobiom-Veränderungen (Dysbiose) und PD sind noch nicht schlüssig belegt beim Hund. Studien zu Probiotika als Therapie fehlen. PMC+1

  • Mehr prospektive, kontrollierte Studien zu medikamentösen und diätetischen Therapien (z. B. Placebo-kontrollierte Eliminationsdiät-Studien) sind nötig. PMC+1

Zusammenfassung (in einem Satz)

 

Dyskinesien beim Hund sind eine heterogene Gruppe episodischer Bewegungsstörungen: gute Diagnostik (Video!), gezielte Abklärung, konsequente Trigger-Vermeidung, bei geeigneten Fällen diätetische Maßnahmen (z. B. glutenfreie Diät bei Border Terriern) und individuell abgestimmte medikamentöse/ergänzende Therapien führen häufig zu einer spürbaren Verbesserung der Lebensqualität. Frontiers+1

 

Ausgewählte wissenschaftliche Quellen 

 

  1. Mandigers, P.J.J., Santifort, K.M., Lowrie, M. & Garosi, L. (2024) Canine paroxysmal dyskinesia — a review. Frontiers in Veterinary Science. DOI: 10.3389/fvets.2024.1441332. Frontiers

  2. Cerda-Gonzalez, S., Packer, R.A., Garosi, L., Lowrie, M., Mandigers, P.J.J., O’Brien, D.P. et al. (2021) International veterinary canine dyskinesia task force (ECVN) consensus statement: terminology and classification. Journal of Veterinary Internal Medicine, 35:1218–1230. DOI: 10.1111/jvim.16108. PMC+1

  3. Stassen, Q.E.M., Koskinen, L.L.E., van Steenbeek, F.G. et al. (2017) Paroxysmal dyskinesia in Border Terriers: clinical, epidemiological, and genetic investigations. Journal of Veterinary Internal Medicine, 31(4):1123–1131. DOI: 10.1111/jvim.14731. PMC

  4. Kolicheski, A.L., Johnson, G.S., Mhlanga-Mutangadura, T. et al. (2016) A homozygous PIGN missense mutation in Soft-Coated Wheaten Terriers with a canine paroxysmal dyskinesia. Neurogenetics, 18:39–47. DOI: 10.1007/s10048-016-0502-4. SpringerLink

  5. Ambrosini, Y.M., Borcherding, D., Kanthasamy, A., Kim, H.J., Jergens, A., Allenspach, K. et al. (2019) The role of the gut-brain axis in neurodegenerative diseases and relevance of the canine model: a review. Frontiers in Aging Neuroscience, 11:130. DOI: 10.3389/fnagi.2019.00130. PMC

  6. Patel, K.V., et al. (2024) Impact of acute stress on the canine gut microbiota. Scientific Reports. DOI: 10.1038/s41598-024-66652-3. Nature

  7. Kiełbik, P., et al. (2024) The relationship between canine behavioral disorders and gut microbiota. Animals (MDPI), 14(14):2048. MDPI

  8. Royal Canin Veterinary Academy (2019) Paroxysmal gluten-sensitive dyskinesia in Border Terriers. (Clinical article / breed-specific resource). academy.royalcanin.com

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   Dr. TCM Andrea Földy

(CCRP, akademische Expertin für  Physikalische Medizin und Rehabilitation bei Hunden, praktische Tierärztin)

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